Donnerstag, 17.05.2012 17:49 Uhr

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Zitat des Tages

• Die muslimische Invasion Europas brächte nicht nur Nachteile; Feminismus, Gender-Studies und Regietheater würden immerhin verschwinden.
(Michael Klonowsky, Schriftsteller und Journalist )


 
Kontroverse

Pro und Contra Lehrplan 21


Mit dem Grossprojekt Lehrplan 21 will die Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) die kantonalen Lehrpläne vereinheitlichen. Der Lehrplan 21 heisst so, weil er dereinst für alle 21 Kantone der Deutschschweiz gelten soll. Politik.ch hat die Meinungen von zwei Bildungspolitikern dazu eingeholt: Die Zürcher Kantonsrätin Claudia Gambacciani von den Grünen befürwortet den Lehrplan 21. Der Thurgauer Sekundarlehrer Franziskus Graber (SVP) wehrt sich gegen dessen Einführung.

Weniger ist mehr: Der neue Lehrplan 21

Prestige-Projekt mit Folgen

Der „Kantönligeist“ ist ein gehegtes und gepflegtes Phänomen in der Schweiz. Mit dem Lehrplan 21 ist eine erstaunliche gegenläufige Entwicklung eingetreten: überregionale Zusammenarbeit und inhaltliche Absprachen im bildungspolitischen Bereich. 21 – die Zahl steht für die 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantone, welche hinter der Idee eines einheitlichen Lehrplans stehen und sich daran beteiligen. Auch könnte die Zahl für das interkantonale Zusammenraufen im Bereich der Bildung im 21. Jahrhundert stehen.
 

90 Expert/innen aus der Praxis und der Didaktik sind bei der Erarbeitung des neuen Lehrplans 21 involviert. Zu hoffen bleibt, dass angesichts der hohen Anzahl Mitwirkenden kein ausuferndes Werk, ganz nach dem Motto „zu viele Köche verderben den Brei“ entsteht. Ein gutes Beispiel für einen solchen Papiertiger ist der aktuelle – dringend zu überarbeitende - Zürcher Lehrplan der Volksschule. Er besteht aus einem Order voll seitenlangen Aufzählungen von Richt- und Grobzielen, die auch in der doppelten Zeit nicht alle im Unterricht behandelt werden könnten. Das Resultat des Zürcher Lehrplans: er fristet ein verstaubtes Dasein in einer dunklen Ecke eines jeden Schulzimmers. Selten wird er zur Vorbereitung des Unterrichts hervorgeholt. Eine Überarbeitung steht also ohnehin an – gegen eine überregionale Angleichung der Inhalte ist meines Erachtens nicht einzuwenden. Man muss das Rad schliesslich nicht in allen Kantonen neu erfinden.


Konkret und praxistauglich


Die Angst, dass die Kantone dadurch ihre Handlungsfreiheit verlieren teile ich nicht, sie können nach wie vor weitergehende Ziele formulieren und auch Fächer führen, die so nicht im neuen Lehrplan aufgeführt sind. Im Kanton Zürich wäre hier das Beispiel des neu eingeführten Faches „Religion und Kultur“ zu nennen, welches den traditionellen biblischen Geschichtsunterricht ablöste und trotz des Lehrplans 21 weitergeführt werden kann.
An einen neuen interkantonalen Lehrplan hege ich den Anspruch, dass er konkret und praxistauglich ist und so auch zur Beurteilung des Lernstandes eingesetzt werden kann.


Ich begrüsse daher die Absicht, in den Fächern Sprachen; Mathematik; Natur, Mensch, Gesellschaft; Gestalten; Musik; Bewegung und Sport (via HarmoS) Mindestansprüche festzulegen und darauf aufbauend weiterführende Ziele und Kompetenzen zu formulieren. Auch ist vorgesehen zu definieren, was die Schülerinnen und Schüler am Ende der 2., 6. und 9. Klasse wissen und können sollen. Als Oberstufenlehrperson dienen mir diese Mindeststandards und die sogenannten Kompetenzraster in der täglichen Arbeit: mit den heutigen heterogenen Klassen, gestaltet es sich künftig einfacher, eine individuelle Einschätzung vorzunehmen, die hilft, den nächsten Lernschritt zu planen. Dienen würden mir hier auch Aussagen zur Einschätzung der Selbst- und Sozialkompetenz der Schüler/innen – was ich derzeit im Sinne einer ganzheitlichen Beurteilung noch vermisse.

 

Zeugnisse könnten künftig so ausfallen, dass die Schüler/innen ihr Können nicht mehr in Form von Notenzeugnissen ausweisen, sondern mittels der konkreten Nennung der erreichten Lernziele oder eben Kompetenzen. Dies ist insbesondere bei den Stufenwechsel, dem Übertritt in weiterführende Schulen der Sek II oder für abnehmende Lehrmeister/innen bzw. in Bezug auf die Lehre interessant.


2014 könnte der neue Lehrplan 21 an den Volksschulen eingesetzt werden. Bis dahin ist noch einiges zu tun. „Besinnung auf das Wichtigste“ muss als Prinzip in der Erarbeitung walten – die Kunst ist nun zweifellos, dieses zu definieren und damit das gewünschte grundsätzliche Wissen eines Volksschülers herauszuschälen. Weniger ist eben manchmal mehr. Hier braucht es die breite Diskussion – ohne faule Kompromisse. Endlose Kataloge von Inhalten, die man in der Schule auch noch behandeln könnte, bringen nichts. Sie haben zur Folge, dass jede Lehrperson nach eigenem Gutdünken Schwerpunkte setzt oder mittels des Prinzips „Mut zur Lücke“ ganze Sequenzen überspringt. Ein überregionaler Lehrplan wirkt dem entgegen und schafft klare und transparente Richtlinien.
 

 

Claudia Gambacciani, Zürich, ist Kantonsrätin der Grünen Partei. Sie ist Sekundarlehrerin und Kauffrau. 

Das Schweizer Stimmvolk sprach sich 2006 sehr deutlich für den sogenannten Bildungsrahmenartikel der Bundesverfassung aus. Dieser verlangt unter anderem von den Kantonen, dass sie die Lernziele untereinander harmonisieren. Dies sollte die Mobilität der schulpflichtigen Bevölkerung erleichtern.


Die Erziehungsdirektorenkonferenz EDK nahm sich dieses Auftrages an und startete unter dem Namen Lehrplan 21 ein Prestige-Projekt für mindestens 6 Millionen Franken. Doch diese Kosten sind nur der Anfang, die Folgekosten, verursacht durch die Entwicklung der beabsichtigten Lehrplan-21-kompatiblen Lehrmittel, werden ein Vielfaches betragen.
 

Doch wo ist das Problem? Das Geld ist gesprochen, der Auftrag direkt vom Volk demokratisch erteilt. Was will man mehr? Die Sache hat einen Haken. Zwar sind die einzelnen Erziehungsdirektoren in ihren Kantonen vom Volk gewählt, doch ihre Konferenz (EDK) wird von keinem Parlament kontrolliert. Die EDK beschäftigt ein Heer von Funktionären. Was diese im Elfenbeinturm ausbrüten, lässt keine Mitsprache des Volkes zu und ist mitunter nicht einmal referendumsfähig. Interkantonale Vereinbarungen, sogenannte Konkordate können nur durchgewinkt oder abgelehnt werden. Gegen Harmos beispielsweise haben sich immerhin so viele Kantone erfolgreich gewehrt, dass dieses Harmonisierungs-Konkordat nicht mehr für allgemeinverbindlich erklärt werden kann.
 

Das Volk wird umgangen


Der Lehrplan 21 dürfte aber auf Verordnungsstufe eingeführt werden. Das heisst: Das Volk wird umgangen. Entwickelt wird der Lehrplan von einer Heerschar Experten, die sich nicht lumpen lassen wollen. 6 Millionen Franken: Das muss ein rechtes Buch geben. So dick, dass es sich in der Praxis gar nicht bewähren kann. Man mag sich nicht mehr auf Lernziele beschränken. Jetzt ist Gründlichkeit gefragt und Pädagogen-Kauderwelsch: Das wäre ja noch gelacht, wenn jeder einfache Bürger den Lehrplan lesen und sogar verstehen und mit seinen Kindern üben könnte. Die Pädagogik ist eine Wissenschaft, jawohl! Lernziele sind von gestern, heute heisst das «Kompetenzerwartungen».


Und es kommt noch dicker: Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass der Lehrplan 21 ein Trojanisches Pferd ist. 21 Deutschschweizer Kantone? Zählen Sie mal nach! Agenda 21 passt viel besser: Es geht um Nachhaltigkeit und um Klimawandel. Schriftliches Rechnen wird abgeschafft. Kopfrechnen auch. Der Dreisatz? Nein danke. Wenn schon «direkte und indirekte Proportionen». Basisschrift statt Schnürlischrift! Kugelschreiber statt Füllfeder. Portfolio statt lesbares Zeugnis. Teamteaching-Kompatibilität. Fremdsprachen? Für alle bis zum Exzess! Sexuelle Befreiung Vierjähriger! Gender-Mainstreaming. Nie gehört? Googeln sie mal, aber nur, wenn Sie starke Nerven haben…
 

Da kommt die SVP mit ihrem Gegenprojekt SVP-Lehrplan. Für die SVP-Schule? Mitnichten. Die SVP nimmt ihre Verantwortung als grösste Partei der Schweiz wahr, Missstände aufzudecken. Sollte sich der Verdacht als unbegründet herausstellen – sehr gut. Sollte die Anprangerung Schlimmes verhindern, Leidiges mildern – umso besser. Die SVP zeigt Mittel und Wege, die falschen Reformen der letzten Jahrzehnte rückgängig zu machen. Konzentration des Kindergartens aufs Spielen in Schweizer Mundart. Konzentration der Primarschule auf Lesen, Schreiben, Rechnen, vielfältige Realienthemen, Musik, Zeichnen, Werken und Sport – auf Bildung eben. Konzentration der Oberstufe auf die Berufswahl: Niveauklassen, Fremdsprachenmonopol, Schweizer Geschichte, Biologie, Physik, Chemie, mehr Zeit zur Erlangung handwerklichen Geschicks.
 

Das sind konstruktive Anregungen. Danach kann man den Lehrplan 21 ausrichten. Die SVP fordert vor allem strikt die Besinnung auf den Verfassungsauftrag: Nur die Ziele pro Jahrgang zu harmonisieren. Unterrichtsmethoden und Lehrmittel müssen den Lehrkräften überlassen werden, denn sie sind dafür ausgebildet. Dann kommt es nicht nur besser, sondern auch billiger.
 

Franziskus Graber, Sulgen TG, ist Sekundarlehrer und Mitglied der SVP-Lehrergruppe, welche dieser Tage einen alternativen Lehrplan vorgestellt hat. 

   




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